Politische Ba(h)nkrotterklärung – ein Kommentar

Erst schießen, dann fragen. So handelt der mecklenburg-vorpommersche Verkehrsminister Volker Schlotmann (SPD) gerade und das auch noch, um Fehler im eigenen Haus zu verarbeiten. Dreist ist für dieses Verhalten noch ein milder Ausdruck. Schlechtere Bahnverbindungen, Unsicherheit für Bus- und Straßenbahnverkehre in Städten und Landkreisen und die Stilllegung eines ganzen Bahnnetzes sollen die Lösung für eine jahrelang verfehlte Arbeit sein? Die Einwohner und Unternehmer des Landes – vor allem aus dem Tourismus – sollen jetzt unter der fehlerhaften Arbeit im Verkehrsministerium leiden? Wo ist eigentlich die Fortschreibung des ÖPNV-Landesplans? Wo sind die Konzepte für eine zeitgemäße, intelligente, umweltfreundliche und preiswerte Mobilität? Die Arbeit des Ministers ist eine Frechheit. Zwischen Rehna, Schwerin, Parchim, Ludwigslust, Karow und Waren sollen ab Fahrplanwechsel 2014 keine Züge mehr fahren. Die Ausschreibung dafür hat das Land bereits aufgehoben. Auch die ursprünglich geplanten touristischen Sommerverbindungen nach Plau am See sind damit gestrichen. Geplant als positives Signal und Wiederaufnahme einer seit 2000 stillgelegten Bahnstrecke, stirbt das verkehrspolitisch sinnvolle Vorhaben einen spektakulären Tod. Die Seenplatte wird fast komplett vom Bahnverkehr abgehängt. Mit der aufgehobenen Ausschreibung hat das Schlotmann-Ministerium bereits Fakten geschaffen. Die Landräte, Bürgermeister und Fahrgastvertreter stehen vor vollendeten Tatsachen. Den Bus- und Straßenbahnunternehmen des Landes stehen offenbar auch noch harte Einschnitte bevor. Der Nahverkehr wird an Attraktivität verlieren. Die verkehrspolitische Bankrotterklärung des Verkehrsministeriums wird jetzt auch noch mit dem Holzhammer durchgesetzt. Das ist Basta-Politik. Das ist Rückbau statt Aufbau zeitgemäßer Infrastruktur- und Verkehrspolitik. “Sozusagen zukunftsfähig” will Schlotmann den Nahverkehr machen, hat er im NDR Nordmagazin erklärt. Allein die Wortwahl charakterisiert die Planlosigkeit. Wo ist eigentlich die Fortschreibung des ÖPNV-Landesplans? Statt intelligenter, umweltfreundlicher und preiswerter Verkehre für Einheimische und Touristen setzt das Verkehrsministerium auf Kahlschlag. Die Stilllegung eines ganzen Bahnnetzes, die Kürzung von Mitteln für den Nahverkehr und das Abkoppeln ganzer Regionen sind der falsche Weg. Das schadet dem Land. Diese Holzhammer-Politik, ihre angebliche Alternativlosigkeit und die Plötzlichkeit, in der sie geschieht, sind eine Frechheit. Tatsachen schaffen, ohne die Betroffenen zu fragen. Das darf man nicht durchgehen lassen. Wer Fehler macht, muss dafür gerade stehen. Verkehrsminister Schlotmann gehört stillgelegt, nicht das Bahnnetz in Mecklenburg-Vorpommern.

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Klassenfahrt ist Schwanzvergleich

Kaum in Güstrow eingestiegen, breitet die Gruppe von sechs Oberstufenschülern eine ganze Phalanx von mobilen Spielgeräten, Colaflaschen, Stullenpaketen und MP3-Playern aus. Erst daddeln sie ein bisschen, dann fragt der erste: “Was für ‘ne Mische hastn du drinne?” Sein Sitznachbar schaut geheimnisvoll: “Wodka. Mitn bisschen Goldi. Schmeckt besser so.” “Ich hab gleich Whisky reingemacht, das schmeckt mir am meisten.”, erläutert der Saufkumpan auf dem Sitz gegenüber. Nachdem die Getränkefrage geklärt ist, widmen sich die Spätpubertierenden wieder ihren Spielen und der Musik. SMS- und Klingeltöne unterbrechen das konzentrierte Schweigen und Starren auf die kleinen Bildschirme. “Alter”, entfährt es einem Spieler plötzlich. “Der größte Schwanz, den ich je gesehen habe, ist der von Johannes. Wenn du mit dem duschen gehst, kriegst du Angst. Ich war nach’m Fußball mit dem inner Umkleide. Der hat so ein dickes Rohr. Alter.” Halb ehrfurchtsvoll, halb lachend schaut er dabei drein. “So ‘n richtiger Fleischpenis oder was?”, fragt einer der Mitreisenden wissend nach. “Ja, sone Riesenkeule.”, bestätigt der Erstaunte. “Es gibt ja auch Blutschwänze. Die sind erst klein und werden dann erst groß. Aber bei dem steht das Ding bestimmt nicht viel größer, wenn er Eine geil findet. Der wird nur noch ‘n bisschen grade.”, gackert der Wissende. Etwas später müssen die Jungs ihre Fahrkarte vorzeigen. Die große, junge Auszubildende mit langen schwarzen Haaren im Schlepptau der Schaffnerin starren die Jungs an. Bekommen kein Wort raus. Sie drucksen, stoßen sich gegenseitig an. Als die Tür zum nächsten Wagen wieder schließt, seufzen beinah alle sechs: “Die war geil.” Laut lachend ergänzt einer noch: “Die könnte mich auch noch genauer kontrollieren.” Grunzend stimmt der Rest der Reisegruppe zu.

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Weckerfeier

Ich hörte Stühlerücken, kichern, Flaschenklimpern und Treppentrappeln. Um 4 Uhr bin ich zu den Ausklängen der Geburtstagsfeier zwei Etagen drüber statt meines Weckers aufgestanden. Die letzten Gäste verliessen schräg aneindergelehnt gehend vor mir das Haus. Herrlich.

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Schlagt sie tot, die Menschenwürde! Kindermörder verstecken sich dahinter!

Eine Polemik nach schlafloser Nacht und Alpträumen von blindwütigen Mobs.

Ich finde es unerträglich wie mein Kollege Uwe Nesemann von der Ostsee Zeitung, stellvertretender Chefredakteur der Lübecker Nachrichten, das Entschädigungsurteil für den Kindesmörder Markus Gäfgen in der Ostsee Zeitung kommentiert. Erst schiessen, dann fragen und weil keine Antwort kommt, gleich noch eine Kugel hinterher – so fasse ich den Kommentar für mich zusammen. Mit der Überschrift “Blinde Justitia” titelt Nesemann einem bierseligen Spielfeldrand-Schreihals gleich, der “Schiri, du blinde Sau!” über den Platz brüllt, weil ihm eine Entscheidung des Unparteiischen nicht passt.

Schon im ersten Satz entlarvt sich Nesemann, wenn er schreibt “Manchmal liegen die Dinge ganz einfach.” Ja, Herr Nesemann, nur manchmal liegen die Dinge ganz einfach. Wenn Sie Hunger haben, essen Sie. Wenn Sie auf den Topf müssen, gehen Sie. Vor Gericht werden aber keine unmittelbaren Bedürfnisse befriedigt. Dafür sind Gerichte nicht da. Dort wird verhandelt, bevor entschieden wird. Da liegt nichts einfach.

“Dann gibt es klare Trennlinien und die Wahrheit trägt ein lupenreines Gewand. Aber bisweilen ist es auch ganz anders, Begriffe wie richtig und falsch verlieren an Sinn und lassen sich auch mit zeitlichem Abstand nicht problemlos einordnen.”, schreiben Sie weiter. Soso. Die blinde Justitita hat sich also den Latz bekleckert, nein das ganze wallende Gewand eingesaut, weil Recht gesprochen wurde, dass sich auf Artikel 1 des Grundgesetzes beruft? “Die Würde des Menschen ist unantastbar.”, heißt es dort, Herr Nesemann. Das ist richtig. Falsch ist es, Ausnahmen davon einführen zu wollen, wie sie es implizieren. Die Würde eines Menschen ist nicht ausnahmefähig, auszusetzen oder nach willkürlichen Bauchgefühlen einzuschränken. Rachedurst wird vor deutschen Gerichten nicht gestillt. Es ist ihnen hoffentlich möglich, mit zeitlichem Abstand einzuordnen, dass das Grundgesetz die Lehre aus anhaltender Willkür ist und alle Menschen vor selbiger schützen soll. Im Artikel 1 steht nämlich noch mehr. Das sollten Sie sich einmal in zeitlicher Nähe in den Terminplan zum Selbststudium einordnen: “Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.” Diese Staatsgewalt trat dem Gewalttäter Gäfgen in Form von Polizeibeamten gegenüber und drohte gewalttätig zu werden. Eine klare Verletzung des Artikel 1.

Sie schreiben: “Der Kindesmörder Magnus Gäfgen, der 2002 einen Elfjährigen entführt und getötet hat, bekommt 3000 Euro Entschädigung, weil man ihm im Verhör Schmerzen angedroht hat.” Diese heimtückische Aufrechnung, die Sie hier aufmachen, suggeriert, dass mit dem Urteil die festgestellte Schuld Gäfgens relativiert wird. Die Verurteilung Gäfgens als Kindesmörder und das Urteil über die Entschädigungszahlung haben aber nichts miteinander zu tun. Machen Sie sich doch einmal die Mühe, nicht nur den Herzschlag des Stammtischs ihrer Lieblingskneipe abzuhören – ein finstres Loch muss das sein – und lesen Sie die Pressemitteilung des Landgerichts Frankfurt dazu.

Das hätten Sie auch schon vor der Niederschrift des folgenden Satzes tun sollen. “Ein Urteil, das richtig sein mag, das aber immer noch für Kopfschütteln, Wut und Zorn sorgt im Lande.” Wut und Zorn empfinde ich bei dem Gedanken daran, dass ein Polizist nicht nur Folter androht sondern schon Vorbereitungen dafür getroffen hat. Das hat das Gericht beweiskräftig festgestellt. Das hessische Innenministerium hat von den Foltervorbereitungen gewusst und diese gebilligt. Fürchterlich. Erschreckend. Deswegen IST dieses Urteil richtig und ihre Einschränkung “mag” unerträglich.

Forken, Dreschflegel und Teereimer halten Sie vielleicht in ihrer Redaktionsstube ja schon bereit, um als Schreihals mit dem Mob mitzumarschieren, der sich zum Beispiel in den Leserbriefspalten der Bild-Zeitung und einem facebook-Diskussionsfaden der Tagesschau versammelt hatte, um der blinden Justitia das Tuch von den Augen zu reißen, ihr die Waage aus der Hand zu schlagen und die ob so überzeugend vorgetragener Argumente am Boden Liegende, zur Korrektur ihres Spruchs aufzufordern.

“Nüchtern betrachtet beweist dieses Urteil, dass bei uns wirklich alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Selbst ein Mörder hat Rechte, Justitias Augen sind verbunden.” Soviel Einsicht habe ich schon gar nicht mehr erwartet. Meine Erleichterung bekam aber ihren bäuerlich-argumentativen Dreschflegel zu spüren. “Aber muss sie deshalb blind sein?”, fragen Sie. Ja, Herr Nesemann, sie muss. Sonst blinzelt Sie auch bei Ihrem nächsten Gerichtstermin unter dem Tuch hervor und liest womöglich ihren Kommentar. Wenn sie dann vor Wut zittert, hält Justitia die Waage nicht mehr ruhig und das Schwert in ihrer Hand bewegt sich.

“Dass das Urteil im Namen des Volkes gefällt wurde, klingt absurd.”, meinen Sie. Ich finde es absurd, wie Sie hier die berühmten Äpfel und Birnen miteinander verwechseln und sich dann darüber beschweren, dass das entstandene Mus nicht schmeckt. Zum Glück besteht das Volk, in dessen Namen Recht gesprochen wird, nicht nur aus bauchgefühlsbewegten Schreihälsen deren fadenscheiniges Mäntelchen in der vermeintlichen Windrichtung flattert. Diese Gleichmacherei, die Sie damit implizieren, geht mir gegen mein freiheitliches Verständnis dieses Landes. Ich lasse mich nicht von Ihnen vereinnahmen. Das Gäfgen-Urteil wurde auch in meinem Namen gesprochen und ist in meinen Ohren ein  kämpferisches Lied für die Gleicheit aller vor dem Gesetz und der Unverbrüchlichkeit der Menschenrechte.

Herr Nesemann, sie versteigen sich im letzten Abschnitt so sehr, dass mir eine Rettung unmöglich erscheint. “Gäfgen stünde eine Entschädigung zu, weil seine Würde verletzt wurde, heißt es. Würde – das ist ein so großes Wort.”, werfen Sie ihre Nase hoch und blubbern diese unerträglichen Sätze. Menschenwürde ist ein Grundrecht, “höchstes Verfassungsgut”, wie es in der Urteilsbegründung heißt. Menschenwürde ist keine hohle Phrase, zu der Sie sie mit ihrem Kommentar machen. Wenn Ihnen die Grundrechte ausnahmefähig erscheinen, bezahle ich gern einen Anteil an ihren Reisekosten zu einer Bildungsreise in den Iran, nach Nordkorea oder Saudi-Arabien.

“Seine Würde hatte Gäfgen weggeworfen, als er den kleinen Jakob tötete.”, tönen Sie. Ihren journalistischen und staatsbürgerlichen Sachverstand haben Sie vor der Niederschrift des Kommentars offenbar in den Papierkorb neben ihrem Schreibtisch entsorgt. Ich hoffe sehr, dass die Reinigungskräfte in ihrer Redaktion erst heute Abend wieder arbeiten. Dann hätten Sie die Chance, beide noch zu retten.

Nachtrag 13:55Uhr: Uwe Nesemann ist stellvertretender Chefredakteur der Lübecker Nachrichten. Das wusste ich bis eben nicht und habe es deswegen oben korrigiert. Der Mantelteil der Ostsee Zeitung, in der ich den Kommentar gestern gelesen habe, wird in einer gemeinsamen Redaktion von Lübecker Nachrichten und Ostsee Zeitung produziert. Alle Links im Text habe ich eben eingefügt. Ein Link auf den ursprünglichen Kommentar ist nicht möglich, da das Archiv der Ostsee Zeitung kostenpflichtig ist.

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Im Körpersaftexpress nach Wacken

Bärte, halblang, buschig an den Stellen wo sie bereits wachsen. Haare lang, manchmal filzig. Warsteiner in Dosen als Wegzehrung und dunkle T-Shirts, die von Satan, Tod und Gitarren künden. “Arschficken” ist das augenblickliche Hauptansinnen der Rucksacktouristen im RegionalExpress. Die Isomatten balancieren gefährlich über den Häuptern, “durchgescheuert bis auf den Rasen” sollen sie am kommenden Wochenende werden. Das eine oder andere Lippenpiercing stört den Biergenuss, erheitert die Mitreisenden aber wiederholt. Headbang-Techniken, Bandnamen, Religionsverachtung umrahmen das Hauptziel dieser Reise: “Arschficken”. Die einzige Mitreisende am Tisch will aber nicht vom ihren Ziel abweichen: “Mein Arsch bleibt Jungfrau!” Zwischen Bissen von einer dicken Schinkenstulle – Brot vom Backshop, Formvorderschinken von JA!, bekennt ein eher punkig daherkommendes Mitglied der Reisegruppe: “Knorkator ist die Band, wo ich schon immer sehen wollte.” Das “Ossis Scheiße sind” postulieren die Bubis gern halblaut in ihrem fränkischen und bayerischen Heimatidiom, wenn der Schaffner vorbeikommt und in breitem Sächsisch “de Fohrschaine” verlangt. Die Runningorder wird zur Nebensache, als die stiefeltragenden Jungs entdecken, dass ein weibliches Mitglied der offenbar großen Reisegruppe im Gang Bekanntschaft mit einem anderen Bahnfahrer schließt. “Da müssen wir hinterher!”, sagt einer am Tisch. “Ohne Stiefel?”, fragt ein anderer. Die Fußbekleidung ist egal, denn es gilt einen Nebenbuhler in die Schranken zu weisen. “Ey!”, ruft der Junge ohne Stiefel im Brunftesperanto durch den Gang. Fragende Blicke aus einigen Sitzgruppen, aber keine Reaktion aus dem Rendevouzs am Fenster. “Ey, du!”, setzt der Stiefellose nach und zwängt sich aus dem Sitz. Schlurfend geht er auf Mädchen und Reisebekanntschaft zu. “Was willst du denn?”, faucht sie rauchig zurück. Der bierselige Haremswächter bricht seinen Angriff augenblicklich ab. “Hast dich wohl verschätzt.”, höhnt ein Metalbruder vom Tisch als sich der Besiegte wieder setzt. Mehr als “ach” kommt nicht. “Halbzeit!”, jubelt der Tisch plötzlich. Wacken ist aber noch weit. Gegen halb zwölf in der Nacht wollen sie angekommen sein.

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Mutti löst die Sitzblockade

Voll ist es, stickig und eigentlich wollen alle nur nach Hause. Dazu müssten sich nur alle so gut verteilen, dass keiner im Wege steht oder sitzt. Das funktioniert fast überall im Gedränge, nur an dieser einen Stelle nicht. Hier rauscht aus kleinen weißen Ohrstöpseln Musik in einen blonden Kopf. Freundlich bitten Menschen aus dem Gedränge darum, dass Platz geschaffen würde. Man solle gefälligst weiter gehen, denn hier sei kein Platz blubbert es als Entgegnung aus dem Kopf, Verwünschungen folgen. Taschen und die den Kopf tragenden, rot lackierten Füße fläzen dort, wo eigentlich Platz für noch zwei Menschen aus dem Gedränge ist. Zweimal blubbert der blonde Kopf die Plätze um sich herum frei. Beim dritten Mal funktioniert die Masche nicht mehr. Eine Frau setzt sich einfach, Blondchen schubst mit der hellbraunen Handtasche, will sich damit mehr Platz erkämpfen, schafft sich selbst aber nur Unbequemlichkeit, denn das Ding ist aufgebläht wie ein Ballon, dabei aber eckig und hart wie ein Sack Steine, scheint es. Fluchend wirft sie die Tasche vor ihre Füße auf den Platz gegenüber. Wenig später wird es noch voller, das Gedränge größer. Freundlich aber bestimmt bittet eine Frau, Typ Randberliner Mutti, mit bordeauxroten Haaren, weißer Sommerbluse, schwarzen Hosen und flachen Tretern um den Platz gegenüber des Blubberkopfs. Nichts als Flüche und Beschimpfungen fallen aus dem Mund der Blockiererin. Resolut drängt die Suchende auf den Platz. Deutet einen Griff in Richtung des Gepäcks der Schimpfwortkanonierin an als plötzlich die Hände des Kopfs zufassen, denn von einer “blöden Kuh” will sich Blondchen nicht die Fuß- und Taschenablage freiräumen lassen. Unbeirrt packt die ältere der nun zu Kontrahentinnen gewordenen Frauen zu, dreht der Blonden halb das Gesäß zu, schiebt Tasche und Füße Richtung Boden, dreht sich elegant am Fenster vorbei und sitzt. Bockig blubbert der blonde Kopf Wüste Flüche und mit den kurzen, dünnen Beinen wird wie bei einer Zweijährigen gestrampelt. “Pass auf du Früchtchen, ich schüttle dich gleich mal richtig durch.”, faucht die Mutti im Brustton langjähriger erzieherischer Erfahrung und löst damit die Sitzblockade im Regionalexpress. Der Widerstand ist gebrochen, Taschen und Füße bleiben unten. Billiger Triumph der Blockiererin als sie der Frau beim Ausstieg noch halblaut fürchterliche Verwünschungen nachwirft.

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Ostermesse in der St. Marienkirche

Vor dem Eingang der St. Marienkirche steht ein Halbkreis von etwa 80 Menschen. Aus den kleinen Seitenstraßen klappern noch Schuhe heran, in der Kröpeliner Straße grölen Jungs ein Hansa- Fanlied. Vom Halbkreis verdeckt lodert ein Feuer mit dicken Scheiten in einer Feuerschale. Pastor Tillmann Jeremias steht, eine fast mannshohe, weiße Kerze im Arm, mit dem Rücken zur Kirche. Alle schweigen. Über den Dächerhorizont der Altstadt kriecht langsam ein blauer Streifen hellen Lichts, als der Pastor die Menschen vor der Kirche begrüßt. Er freut sich über die vielen Besucher, die Morgendämmerung und das Einsetzen des Vogelgesangs in den Bäumen rund um die Kirche. Mit einem Bild aus der Bibel beginnt die Messe vor der Kirche. Wie die Frauen nach der Kreuzigung Jesu würden wir nun wandern, Jeremias singt einen Vers, den die Besucher mitsingen sollen. Darauf lässt er die Kerze in seinem Arm mit einem Stück Holz entzünden.

Den Besuchern voran geht der Pastor in die Marienkirche. Darin fällt nur ein schwaches, blaues Licht durch die hohen Kirchenfenster. Die Wände sind schwarz, werden nur schwach vom Kerzenschein erhellt. In der Mitte des Querschiffs geht Pastor Jeremias nach links, in Richtung der Winterkirche. Dort stellt er die brennende Kerze rechts an den Altar, hinter ihm werden die Plätze knapp. Alle Stühle sind besetzt, die Bänke mit dem Rücken zur Seitenwand auch. 3 Gemeindemitglieder lesen nacheinander aus der Bibel: Schöpfung, Noah, Auszug aus Ägypten. “Bleibet hier und wachet mit mir, wachet und betet!”, singt der Pastor zwischen den Lesungen. Der Chor der Gemeindemitglieder fällt links in dunklem Männerbass ein, rechts sitzen mehr Frauen und singen in Sopran und Alt.

Die brennende Kerze voran, geht der Pastor danach weiter durch die Kirche, die Besucher greifen kleine Kerzen und nehmen sie zur nächsten Station mit. In einer kleinen Seitenkappelle wartet der Pastor schon und gibt das Licht seiner Kerze weiter. Kinder entzünden ihre Kerzen zuerst, geben das Licht weiter und kurz darauf in den Händen aller die kleinen Kerzen. Im Wechselgesang mit einem Kollegen erzählen die Geistlichen vom Wunder der Auferstehung und fordern zum Gebet auf. Die Kirche wird heller, Kerzen- und Morgenlicht fallen in die Gesichter. Alle folgen der großen Kerze schließlich zur Tauffünte.

Hier bittet Pastor Jeremias drei junge Leute aus dem Kreis der Besucher nach vorn. Die zwei Männer und eine Frau stammen aus dem Iran. Sie werden gleich zu Konvertiten, treten vom Islam, den sie, nach den Worten Jeremias’, nur als Zerrbild von Religion erlebt hätten, zum Christentum über. Einzeln treten sie vor, der Pastor benetzt sie mit Wasser und heißt sie in der christlichen Gemeinschaft willkommen. Das Glaubensbekenntnis sprechen alle Besucher gemeinsam im Chor. Nachdem sie Taufurkunden bekommen haben, wandert die Gemeinde -wieder hinter der Kerze durch die nun schon helle Kirche. Vorbei an der astronomischen Uhr hinter dem Altarraum wieder in das Querschiff und dann in den Altarraum. Dort stehen Bänke und Stühle auf denen sich die Besucher niederlassen. Voller Freude stimmt der Pastor den Gesang an und die Kirche scheint fast zu erzittern als die Orgel einsetzt. Zum ersten Mal seit Gründonnerstag darf sie wieder gespielt werden. Orgel, Pastor und Besucherchor singen gemeinsam, lange hallt das Echo nach, das Vaterunser schließt die Ostermesse.

Pastor Jeremias bemerkt, dass es das erste Mal in seiner Zeit hier in Rostock sei, dass am Schluss der Ostermesse die Sonne in das Kirchenschiff scheine. Kräftig orange leuchtet sie durch die Fenster als die Besucher die St. Marienkirche verlassen.

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Mangel an Fachkraft

Fachkräftemangel schüttele dieses Land, sagt die Bundesregierung. Die Bundesregierung sagt den ihr nachgeordneten Behörden aber anscheinend nicht, dass man deutsche Fachkräfte, die hochqualifiziert nach längerem Auslandsaufenthalt zurückkehren, nicht mit dem Verweis, dass alle “Ausländer” in die gesetzliche Krankenkasse wollten, begrüßt, nur weil sie einen “englischen Singsang” von ihrem mehrjährigen “Qualifizierungsausflug” mitbringen.

Das erinnert mich an den Fall eines Akademikers, der seine Hartz IV-Leistungen regelmäßig gekürzt bekam, wenn er Antwortpost an die Arge schickte. Beim dritten Mal setzte er sich dann über die eiserne Regel “Sehen Sie von telefonischer Kontaktaufnahme ab” hinweg und fand heraus, dass der Postlauf in der Arge dafür sorgte, dass Schreiben an ihn verspätet zugestellt und die Antworten darauf durch ebenjenen Postlauf innerhalb der Behörde auch den wechselnden Sachbearbeitern zu spät zur Fristwahrung zur Kenntnis gelangten.

Bitteres Lachen verursacht bis heute auch immer der Fall eines Historikers, der sich für den Übergang vom Studium ins Arbeitsleben vorschrifsgemäß beim Arbeitsamt meldete, zur Arge weitergereicht wurde und dort seine Qualifikation angeben sollte. Archäologe gab der Mann zu Protokoll. Bei der Durchsicht der von Sachbearbeiterinnenhand gefertigten Unterlagen fand sich unter Berufsbezeichnung dann “Archiologe”. Eine Berichtigung lehnte die Dame hinter dem Schreibtisch mit dem Verweis darauf ab, dass “das System” eine nachträgliche Änderung nicht zuließe.

Aus der Haut fuhr jüngst ein Bekannter, als sein “Kundenbetreuer” ihn aufforderte, eine Beschäftigung auf 400,- Euro Basis anzunehmen. Auspacken im Netto-Markt sei ein gutes Angebot, schob er hinterher und meinte es wohl auch gar nicht höhnisch. Für den Kunden mit Doktorgrad, auf der Suche nach adäquater Beschäftigung war das aber nicht mehr nachvollziehbar. Zumal der Betreuer sein Angebot “4 Bewerbungen pro Monat auf Stellen, die wir Ihnen anbieten” ins Absurde geführt hatte, denn alle Stellen, die als Angebot kamen, hatte Dr. Kunde bereits mit seinen Bewerbungen bedacht.

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Der Mensch als Sache

Aus der Pressearbeit der Bundespolizei:

“In einer Wohnung wurde zudem ein ausweisloser Serbe festgestellt, der sich entgegen einer Abschiebungsverfügung unerlaubt im Bundesgebiet aufhielt. Er wurde der Kriminalpolizei in Güstrow zur weiteren Bearbeitung übergeben.”

Ein Fall für amnesty international oder für eine Nachhilfestunde?

Aber ein Ziel der EU-Förderpolitik ist auch die “Verbesserung des Humankapitals”, habe ich gestern gelernt. Das hat System.

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Der Glockenflug von Damgarten

Glocke 1 der St. Bartholomäus Kirche in Damgarten wird repariert. Vor der Reparatur steht aber die Abfahrt. Aus dem Glockenturm ins Kirchenschiff gings schon im Dezember, aus der Kirche auf den LKW heute. Eine Kurzreise in Bildern.

 

25.000 Euro kostet die Reparatur der Glocke, etwas mehr als die Hälfte der Summe hat die Gemeinde schon aus Spenden zusammen. Sie bittet aber noch um weitere Unterstützung.

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